INNER SPACEINTERIORS
B·02 · Essay

Wie kann ich nicht zu Hause sein an einem Ort, an dem ich so zu Hause bin?

Zuhause bemerken wir oft erst, wenn es ins Wanken gerät. Über das Zuhause als Geflecht aus Erinnerungen und über die Spuren, die das Zögern im Raum hinterlässt.

Lucy Schippel 14. Juli 2026

Nirgends ist der Sommer für mich schöner als am Heissiwald. Der wilde Garten raschelt im Wind. Im Schatten des Flieders bleibt es kühl, während die beißende Sonne dem Rasen langsam die Farbe entzieht. Zwischen Kornblumen und Klatschmohn wuchern knochige Rosen und verbreiten ihren Duft in der warmen Luft. In den Räumen dieses Ortes bin ich zu mir geworden. Das denkmalgeschützte Fachwerkhaus am Waldrand war einmal ein Haus für Waldarbeiter, schlicht, weiß verschalt, mit grünen Fensterläden und zwei alten, knarzenden Holztüren. Mit großer Dankbarkeit blicke ich heute darauf. Ich sehe, wie viel es nun auch meinen Kindern gibt.

Und doch verliert dieser Ort leise seinen Anspruch auf das, was vor uns liegt. Alles, was mich hierher zurückgeführt hat, ist noch da. Die Nähe zur Familie, der vertraute Rhythmus, die Selbstverständlichkeit des Alltags. Was lange wie ein Halt wirkte, beginnt sich zu lösen. Wie kann ich nicht zu Hause sein an einem Ort, an dem ich so zu Hause bin? Die Frage überrascht mich selbst. Zuhause gehört so selbstverständlich zum Leben, dass man es kaum bemerkt. Erst wenn es ins Wanken gerät, beginnt man, darüber nachzudenken.

Lange schien mir das Zuhause an Orte gebunden, an Häuser und vertraute Wege. Doch darin erschöpft es sich nicht. Es reicht über den Ort hinaus. Es ist ein Geflecht aus Erinnerungen, Erwartungen und inneren Bildern, das sich nur schwer benennen lässt und gerade deshalb so wirksam bleibt.

Vielleicht liegt das daran, dass ein Zuhause nicht erst dort beginnt, wo wir es bewusst wahrnehmen. Der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott beschreibt es als eine Art Hülle des Ichs, als einen Raum, der hält, ohne etwas zu verlangen. In ihm darf das Ich ungerichtet sein, weniger kontrolliert, weniger wachsam. Vertraute Möbel, Gerüche und Lichtverhältnisse müssen nicht bewertet werden. Das Unbewusste erkennt sie wieder. Diese Wiedererkennung nimmt uns die Entscheidung ab. Die innere Alarmbereitschaft sinkt.

Diese Entlastung wirkt bis in den Körper. Stephen Porges beschreibt in seiner Polyvagal-Theorie, wie ein als sicher erlebter Raum das Nervensystem umschalten lässt. Die Atmung vertieft sich, der Muskeltonus lässt nach, die Wachsamkeit darf sinken. Die Philosophin Simone Weil nennt die Verwurzelung eines der zentralen und zugleich am meisten übersehenen Bedürfnisse der menschlichen Seele. Vielleicht spüre ich gerade deshalb so genau, wenn sie ins Wanken gerät.

Wenn ich mich in unserer Wohnung umschaue, erkenne ich als Innenarchitektin die Symptome deutlich. Sie hängen von der Decke, oder besser gesagt, sie hängen dort nicht. Wir leben seit mehreren Jahren hier. Und doch sind viele Leuchten nie angebracht worden. Stattdessen einfache Fassungen aus Kunststoff, Glühbirnen, die ihren Zweck erfüllen, mehr nicht. Das ist mir fast unangenehm, denn es widerspricht allem, was ich über Räume und über das Erzählen von Leben durch Gestaltung weiß. Die Leuchten stehen bereit, manche seit Jahren. Doch sie scheinen nie dringlich geworden zu sein, als gäbe es keinen richtigen Moment, sie anzubringen. Auch die Wände bleiben erstaunlich leer. Regale liegen bereit, ungeöffnet. Irgendwann hatte ich das Gefühl, der richtige Zeitpunkt sei vergangen.

Die Architekturpsychologie hat für diese Zurückhaltung Worte. Die Umweltpsychologen Irwin Altman und Setha Low beschreiben starke Ortsbindung als ein Zusammenspiel aus gelebter Erfahrung, persönlicher Bedeutung und aktiver Aneignung. Ein Ort wird dort zu einem Zuhause, wo Menschen beginnen, Spuren zu hinterlassen, wo sie verändern, anpassen und bleiben. Schwächere Bindung zeigt sich in provisorischen Lösungen, in Räumen, die funktionieren, ohne erzählt zu werden. Genau das erkenne ich wieder. An Verwurzelung mangelt es uns nicht. Wir haben hier Geschichte, Familie und Alltag in beinahe jeder Richtung. Und doch bleiben bestimmte Handlungen aus, aus einem Zögern, das ich mir kaum erklären kann.

Der Umweltpsychologe Harold Proshansky beschreibt, wie Orte Teil des Selbst werden, wenn wir uns über sie ausdrücken und sie in unseren Alltag einlassen. Bleibt diese Aneignung unvollständig, entstehen Räume, die bewohnt, aber nicht ganz angeeignet sind. Was sich in den nicht angebrachten Leuchten zeigt, ist keine Nachlässigkeit. Es ist eine Spannung zwischen Bleiben und Weitergehen, zwischen Festschreiben und Offenhalten. Ich lebe in einem Dazwischen, das leise mitläuft, ohne sich laut zu melden. Vielleicht wird ein Zuhause erst dann sichtbar, wenn es ins Wanken gerät. Und genau hier beginnt, was ich verstehen möchte, bevor wir gehen: aus welchen Räumen ich gemacht bin und welche ich weitertragen will.

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