Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, erinnere ich mich weniger an Abläufe als an Räume, Gegenstände und Situationen. An Möbelstücke, an Materialien, an Wärme. An die fein gesägten Knäufe in Blumenform an den Schubladen unter meinem ersten eigenen Bett, in dem ich nie geschlafen habe. An die Puppenecke, in der wir das große Leben nachspielten. An den knarzenden Boden mit Holzwurmspuren und Löchern, die so groß waren, dass ich Angst um meine Murmeln hatte. Solche nebensächlichen Details bleiben präsent, oft ein Leben lang.
Sie tragen Bedeutung, ohne sich aufzudrängen. Niemand von uns nimmt die Welt aus einer neutralen Perspektive wahr. Unsere Sicht entsteht immer an einem konkreten Ort, in einer familiären Konstellation, die wir uns nicht ausgesucht haben. Diese frühe Prägung bleibt wirksam, auch dann, wenn sich die äußeren Umstände längst verändert haben.
Der französische Soziologe Didier Eribon beschreibt, wie die Welt, in der wir aufgewachsen sind, im späteren Leben weiterwirkt, selbst dann, wenn wir glauben, mit ihr abgeschlossen zu haben. Diese frühen Erfahrungen verschwinden nicht. Sie verschieben sich und werden Teil eines inneren Maßstabs, an dem wir spätere Räume messen.
Führt man einen Gedanken der Soziologin Martina Löw weiter, lässt sich von einem in unserem Innersten eingeschriebenen Grundriss sprechen. Die Grundrisse der Räume unserer Vergangenheit fügen sich in uns zu einer Struktur zusammen. Dieser innere Grundriss zeigt sich in unseren Routinen und Gewohnheiten, in Bewegungen, die wir kaum bemerken. Er hat seinen Ursprung in Räumen der Vergangenheit, in Umgebungen, die uns geprägt haben, lange bevor wir über sie nachdenken konnten.
Vielleicht wird die Welt der Kindheit gerade deshalb für viele Menschen zu einem Ort der Sehnsucht. Nicht, weil sie ideal gewesen wäre, sondern weil sie den Anfang markiert. Die amerikanische Essayistin Susan Stewart weist darauf hin, dass die englischen Wörter longing und belonging, Sehnsucht und Zugehörigkeit, miteinander verwandt sind. Jede Sehnsucht speist sich aus früheren Erfahrungen. In diesem Sinne ist sie rückwärtsgewandt. Für viele schwingt im Wort Zuhause ein Leben lang die Welt der Kindheit mit, selbst dann, wenn dieser Ort längst nicht mehr existiert.
Diese Prägung hat eine Kehrseite. Wir schaffen uns Umgebungen aus dem Bekannten. Und in ihnen verhalten wir uns nach eben diesen bekannten Bahnen. So entsteht ein Kreislauf. Wir leben in Räumen, die unseren früheren gleichen. Dabei bestätigen wir immer wieder, was wir schon kennen.
Dieser Kreislauf lässt sich nur durch ein Hinterfragen durchbrechen. Erst wenn ich erkenne, in welchen Bahnen ich mich bewege, kann ich mich bewusst für sie oder gegen sie entscheiden. Meine Kinder werden sich eines Tages an diese Wohnung erinnern. Vielleicht an den Holztisch in der Küche, vielleicht nur an ein Grundgefühl dafür, wie es war, sich hier zu bewegen. Auch das schreibt sich gerade in sie ein. Ich möchte verstehen, welche Räume mich geformt haben, bevor ich weiterziehe. Welche ihrer Muster trage ich weiter? Und welche darf ich zurücklassen?