Manchmal genügt der erste Schritt in einen Raum. Noch bevor ich ihn betrachtet habe, spüre ich etwas. Wie sich die Türklinke in der Hand anfühlt, wie der Boden unter den Füßen klingt, wie das Licht durch ein Fenster fällt. Ich weiß in diesem Moment noch nicht, warum ein Raum mich empfängt oder auf Abstand hält. Ich spüre es nur. Erst später finde ich Worte dafür. Das, was da zuerst wirkt, nennen wir Atmosphäre.
Lange habe ich angenommen, die Atmosphäre stecke im Raum selbst, in seinen Materialien und Proportionen. Doch das erklärt nicht, warum derselbe Raum zwei Menschen so verschieden begegnet. Was wir als Atmosphäre erleben, entsteht nicht erst im Raum. Es geht aus einer Begegnung hervor. Atmosphäre bildet sich immer zwischen Mensch und Raum. Sie ist darum weder rein objektiv noch subjektiv.
Der Begriff hat sich über die Zeit gewandelt. In der römischen Religion meinte der Genius Loci den Schutzgeist eines bestimmten Ortes, gebunden und lokal. Die heutige Atmosphärentheorie denkt Atmosphäre nicht mehr als Geist des Ortes. Sie versteht sie als eine Qualität, die zwischen Raum und Mensch entsteht. Der Ort trägt sie nicht allein. Wir tragen an ihr mit.
Der deutsche Philosoph Gernot Böhme hat dafür eine Sprache gefunden. Er beschreibt Atmosphären als eine Wirklichkeit der Wahrnehmung, die im Dazwischen liegt. Seine Ästhetik lenkt die Aufmerksamkeit weg von der Beurteilung der Dinge, hin zu dem, was man empfindet. Für die Innenarchitektur ist das entscheidend. Gestaltung adressiert dann nicht mehr nur Form und Funktion. Sie adressiert auch Stimmungen, Dichten und Affektlagen.
Der Schweizer Architekt Peter Zumthor beschreibt Atmosphäre als etwas, das über Material, Klang, Temperatur, Licht und Proportion unmittelbar wirkt. Es erzeugt eine Gesamtwirkung, die wir spüren, bevor wir sie erklären. Der finnische Architekt Juhani Pallasmaa führt diesen Gedanken weiter. Architektur wirkt immer über mehrere Sinne. Eine rein visuelle Auffassung verarmt das Erleben eines Raumes. Ein Raum spricht uns an, über die Hand an der Klinke, über den Klang des Bodens, lange bevor wir ihn beurteilen.
Diese Begegnung hat zwei Seiten. Eine äußere, geprägt von Licht, Material, Klang und Geruch. Und eine innere, geprägt von dem, was ein Mensch an früherer räumlicher Erfahrung in sich trägt. Erinnerungen, Gewohnheiten und Erfahrungen treffen auf den Raum und prägen, wie wir ihn erleben. Diese innere Seite nenne ich den inneren Raum. Er ist die Voraussetzung dafür, wie Atmosphäre für jeden von uns entsteht.
Am Heissiwald zählt für mich darum nicht nur der Grundriss des Hauses. Es zählt der Flieder, das Licht, die Trockenheit und die Wärme. Es zählt die Verlässlichkeit dieses Ortes. Ein anderer Mensch stünde im selben Garten und erlebte etwas anderes, weil er einen anderen inneren Raum mitbrächte. Atmosphäre lässt sich deshalb nicht herstellen wie ein Möbelstück. Sie entsteht jedes Mal neu, im Zusammenspiel.
Wenn Atmosphäre im Zusammenspiel entsteht, dann lässt sie sich auch gestalten. Zum einen über das Äußere, über Licht, Material, Maßstab, Akustik und Geruch. Zum anderen über das Innere, indem wir unseren inneren Raum kennenlernen und verstehen, woraus sich Atmosphäre für uns bisher zusammengesetzt hat. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Arbeit. Wie darf sich ein Raum anfühlen, damit er uns im Innersten stärkt? Und wie viel davon bringe ich selbst schon mit, wenn ich ihn betrete?